DGB / Jugend

ARBEITERBEWEGUNG
in der Region Mainfranken, Tauberfranken,
Badisches Frankenland, Württembergisch Franken,
Hällisch-Franken und Franken-Hohenlohe -

 

- DGB Gewerkschaftsarbeit / Gewerkschaftsjugend 

 

Gewerkschaftsarbeit auf dem Land

Gewerkschaftliche Jugendarbeit in der Provinz ist genauso wie die gewerkschaftliche Arbeit auf dem Lande ein Stiefkind der politischen Arbeit im Hinterland. Die Arbeiterbewegung ist noch lange nicht bis in die Provinz vorgedrungen, auch wenn man hier und da desöfteren Autos mit dem rot-gelben Aufkleber des DGB stehen sieht.

Warum dies so ist, soll im folgenden Beitrag kurz skizziert werden. Eine ausführliche geschichtliche Darstellung kann hier nicht geleistet werden.


Gewerkschaft auf dem Lande

Die Schwierigkeiten der gewerkschaftlichen Arbeit in der Provinz hängen sehr eng mit der Wirtschaftsstruktur auf dem Lande selbst zusammen:
- viele Kleinbetriebe, nur wenige Mittel und Großbetriebe;
- geringer Organisationsgrad bei den Gewerkschaften, kaum hauptamtliche Mitarbeiter in den Kleinstädten;
- anti-gewerkschaftliche Vorurteile (ehemalige Bauern, die zu Arbeiter wurden; deklassierte Handwerker mit ihrer Distanz zur solidarischen Zusammenarbeit);
- geringe Facharbeiter-Schicht in den Betrieben, da diese meist weniger-qualifizierte Ableger qualifizierter Arbeitsplätze (d. h. Auslagerungen) von größeren Mutter-Betrieben sind. Die gewerkschaftliche Arbeit stützt sich aber zum großen Teil auf diese Facharbeiter-Aktiven;
- große Entfernungen untereinander: die Arbeitskollegen sind meist nur im Betrieb zusammen und dann über die Ortschaften verstreut und für gewerkschaftliche Arbeit kaum ansprechbar.

Zu diesen Strukturproblemen gewerkschaftlicher Arbeit in der Provinz kommen noch als Bewußtseinsproblemen hinzu:
- Gewerkschaftliche Arbeit gilt als ständiger Unruheherd („Aufwiegler“); der „Ruf“ des Unternehmens (das gönnerhafte Getue um zusätzliche Sozialleistungen und Spenden an die örtlichen Vereine) wird angekratzt.
- Aktive Gewerkschafter sind sehr gefährdet, da der Druck noch über den Betrieb hinausreicht (als Politischer verschrien).
-  Die gewerkschaftliche Arbeit ist of ein ent-politisierter Alltag, in dem ganz andere Interessen eine Rolle spielen als die Interessenvertretung der Kollegen (z.B. betrachten einige Betriebsräte ihren Posten eher als Sympathiebeweis wie bei einem Vereinsvorstand und sonnen sich in der Repräsentation. Diese Kollegen sind dann persönlich beleidigt, wenn sie auf Mängel in ihrer Arbeit hingewiesen werden. Von diesen Karriere-Gewerkschaftlern, die nicht selten die beste Mitarbeiter der Firma sind, gibt es in der Provinz gerade genug.
- Ein Rausschmiß von Gewerkschaflern hat meist diskriminierende Folgen: Wechsel des Arbeitsplatzes, da die meisten durch Hausbau und verwandtschaftliche Beziehungen ortsgebunden sind. Dies verstärkt allgemein die Anpassung und das Radfahrertum im Betrieb, denn keine will sich die eigene Lebensperspektive (zweiter 8-Std.-Schwarzarbeit-Arbeitstag, Nebenerwerbslandwirt, Hausbau etc.) vermasseln.

Diese Grobskizze gewerkschaftlicher Arbeit in der Provinz schlägt auch auf die Jugendarbeit in der Provinz durch, denn in der Gewerkschaftsjugend sollte eigentlich der Teil der Mitglieder noch zu finden sein, der am stärksten gegen diesen verordneten Stillstand revoltiert.


Gewerkschaftliche Jugendarbeit in der Provinz

Gewerkschaftliche Jugendarbeit darf gerade in Provinz den Jugendlichen nicht nur als Arbeitnehmer sehen, sondern in der Gesamtheit seiner Interessen und Bedürfnisse. Da bei Auseinandersetzungen im betrieblichen Bereich starker Druck auf den Jugendlichen ausgeübt wird, herrscht hier eine starke Resignation vor. Gerade in der Provinz stehen die Jugendlichen, wenn sie sich gewerkschaftlich engagieren wollen, alleine da. Es gibt kaum erwachsene Kollegen, die sie unterstützen. Auch viele Gewerkschaftsmitglieder halten bestimmte gewerkschaftliche Forderungen für Großbetriebe zwar für richtig, für Kleinbetriebe in der Provinz aber nicht zutreffend oder durchsetzbar. In der Provinz ist auch oft noch üblich, dass die Eltern eines Jugendlichen, den Chef des Betriebes selber kennen und dadurch der Jugendliche den Ausbildungsplatz erst überhaupt erhalten hat. Gewerkschaftliches Engagement wird dann von Chef und Eltern als Undankbarkeit betrachtet.

Da in der Provinz auch massive Vorurteile gegenüber den Gewerkschaften bestehen, ist es für Jugendliche schwierig, einen ersten Bezug zu ihnen zu bekommen. Die Richtigkeit der Forderungen der Gewerkschaften ist für den einzelnen Jugendlichen nur schwer prüfbar. Für ihn zählen Organisationen, die ihm konkret und sofort etwas „bringen“. Dies ist für ihn die Möglichkeit, die Nützlichkeit einer Organisation und die Richtigkeit derer Ziele in eine für ihn überschaubaren Rahmen zu überprüfen. Fordert gewerkschaftliches Engagement von ihm betriebliche Auseinandersetzung, die im vorneherein als für ihn gefährlich erkannt werden, dann erscheint auch gewerkschaftliche Arbeit im Alltag als gefährlich.

Dabei ist zu beachten, dass für einen Jugendlichen in einem Kleinbetrieb in der Provinz nicht nur eine eventuelle Kündigung gefährlich ist. Da er nur mit wenigen Kollegen und oft mit de Chef persönlich dauernd zusammenarbeiten muss, führt ein Zerwürfnis mit ihnen zu einem für ihn unerträglichen Arbeitsklima. Er hat, hier nicht wie in einem Großbetrieb wenigstens einige, die ihm den Rücken stärken. Es fehlt ihm hier zu oft der persönliche Rückhalt.

Die Notwendigkeit für gewerkschaftliche Arbeit ist die Solidarität. Diese Solidarität ist aber nicht nur durch Appelle erreichbar. Für den Jugendlichen in einem Kleinbetrieb, der sich nicht mit seinen Kollegen versteht, bleibt Solidarität ein hohles Wort. Er kann sie mit seinen Kollegen auf absehbare Zeit nicht erreichen. Solidarität muß aber gerade für die Jugendliche erlebbar sein. Das Erleben des persönlichen Rückhaltes vermittelt ihm ein Gefühl von Solidarität. Damit diese Solidarität entsteht, benötigen die Jugendlichen nicht nur sachliche, sondern auch emotionale Übereinstimmung. Diese kann aber nicht durch Gremienarbeit oder bei Diskussionen über gewerkschaftliche Themen vermittelt werden. Sie bedarf eines längeren persönlichen Zusammenhanges. Gewerkschaftliche Jugendgruppen können hier einen wichtigen Beitrag dazu leisten.


Forderungen an die praktische Gewerkschaftsarbeit in der Provinz
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Es wäre sinnvoll, wenn sich Jugendliche, die aktiv in der Gewerkschaft arbeiten, gemütlich außerhalb des Betriebes (im Jugendhaus, wechselseitig privat, am Jugendstammtisch der Gewerkschaft) treffen können. Dieser persönliche Bezug verstärkt die Solidarität, hebt die Vereinzelung auf und erweitert die Gewerkschaftsarbeit über die bloße Betriebsarbeit hinaus. Der persönliche Bezug ist ein wesentlicher Faktor für politische Arbeit.
- Durch gemeinsame Aktivitäten in Freizeit- und Feierabendbereich (Besuch von Veranstaltungen, Rockfeten etc.) kann auch die Zusammenarbeit am Arbeitsplatz wesentlich stabilisiert werden, denn es bildet sich ein fester emotionaler Rückhalt heraus. Durch die gemeinsame Verbringung der Freizeit wird auch ohne besonderen Organisationszwang viel über Probleme im Betrieb geredet.
- Der Cliquenzusammenhang von Jugendlichen in der Gewerkschaft kann nur dann politisch weiterbringen, wenn er am Ort eine feste politische Struktur besitzt. Da gerade in der Provinz nicht selten zu wenige Jugendliche in den Einheitsgewerkschaften aktiv sind, erscheint es sinnvoll, keine einzelgewerkschaftlichen, sondern nicht-betriebliche Jugendgruppen des DGB vorort aufzubauen. Diese Jugendgruppen sollten regional mit anderen Gruppen vernetzt sein und in Informationskontakt stehen.
- Die Öffentlichkeitsarbeit für den Eintritt in und Aktivitäten innerhalb der Gewerkschaften läuft am besten über persönliches Ansprechen, weniger gut über Infostände, die in der Provinz immer noch den Beigeschmack politischer Marktschreier und eines öffentlichen Prangers haben. Eine Mitarbeit von Jugendlichen in der Gewerkschaft in örtlichen und regionalen Alternativzeitungen (Berichterstattung) erscheint für eine Verbreiterung der Basis und zur Öffentlichkeitsarbeit äußerst sinnvoll.

Gewerkschaftliche Jugendarbeit in der Region, am Ort und im Betrieb, aber auch in der Gewerkschaft verankert sein. Leider ist diese Verankerung innerhalb der Gewerkschaft allein über gelegentliche Besuche von Hauptamtlichen (aus der nächsten Metropole), über abstrakte Schulungen zum Betriebsverfassungsgesetz und das gespannte Verhältnis zwischen aktiven Jungen und taktierenden Alt-Gewerkschaftlern nicht gerade sehr gut.

Hier wäre die Forderung nach hauptamtlichen Jugendsekretären im Kreis, auf die Ausrichtung der Schulungsinhalte nach den Bedürfnissen der örtlichen Jugendgruppen und nach einer öffentlicheren und attraktiveren Gewerkschaftsarbeit (Wegfahren, zusammen die Wochenende verleben; Verbindung von persönlicher Emanzipation und gewerkschaftlicher Arbeit) zu stellen. Gewerkschaftliche Arbeit darf nicht ‚trocken’ sei und nur in Frei-Sauf-und Fress-Feten untergehen, sondern muß sinnlich beweisen, wozu sie wichtig ist.

Gewerkschaftliche Jugendarbeit braucht dazu mehrere Jahre lang Zeit, um den entsprechenden Rückhalt zu erarbeiten und einen Stab von Aktiven, den die Gewerkschaft nur halten kann, wenn die innergewerkschaftlichen Freiräume vergrößert werden, wenn die Gewerkschaft regional gestärkt wird (Dezentralisierung von Mitteln und Hauptamtlichen anstelle der Politik der gewerkschaftlichen Rationalisierung im Apparat) und Beschlüsse gegen die  DGB-Jugend (Pro Atomkraft) zu Fall gebracht werden.

Dazu ist noch ein weiter Weg, denn die Gewerkschaft hat noch überhaupt keine Vorstellung davon, welche Aufgabe sie in der Provinz hat, welche wesentliche gesamt-politische Funktion sie für eine Überwindung des Hinterlandes besitzt, denn sie geht immer noch den kapitalistischen Weg der zunehmenden Konzentration in den Ballungsräumen und entfremdet sich damit immer mehr von der Basis der Aktiven.

Vielleicht kann diese Nummer der TRAUM-A-LAND dazu beitragen, einmal eine Diskussion über die Probleme der Gewerkschaftsarbeit in der Provinz anzuleiern, denn an dieser Nummer haben bereits einige aktive Gewerkschafter mitgewirkt. Auch die Arbeitswelt in der Provinz braucht den regionalen Zusammenhang, um das politische Selbstbewußtsein zu stärken. Der TRAUM-A-LAND-Zusammenhang bietet sich dazu an.


Aus: Gewerkschaftsarbeit auf dem Land. In: TRAUM-A-LAND Nr. 16, Nov. / Dez. 1980 Schwerpunkt „Arbeitswelt, Gewerkschaft“, S. 5 - 7

 

DGB-Jugend

- Interview mit DGB Sekretär Main-Tauber-Kreis Sepp Stöger (Inhaltliche Wiedergabe des Interviews)

Was läuft an Gewerkschaftsarbeit im Jugendbereich?

Die IG Metall, als stärkste Einzelgewerkschaft im Main-Tauber-Kreis, bildet im Jugendbereich einen eigenen Ortsjugendausschuß, der Veranstaltungen und Sitzungen vorbereitet. Die große Flächenausdehnung (Niederstetten – Mosbach – Wertheim) erschwert die Zusammenarbeit.

Bei der IG Chemie soll einiges in Wertheim laufen. Genaueres war aus Sicht des DGB nicht zu erfahren.

Der DGB – als Dachorganisation der Einzelgewerkschaften, in denen die eigentliche Gewerkschaftsarbeit läuft – koordiniert die Einzelaktivitäten im Kreisjugendausschuß und führt selbst Jugend-Wochenende-Schulungen durch.

 

Der Ablauf der DGB-Wochenendschulung

Eingeladen werden Jugendliche über die Lokalpresse, Betriebsräte und die SMV der Berufsschulen. Getagt wird meist in Gastwirtschaften (z. B. ‚Block’ in TBB). Beginn ist am Samstag-Nachmittag. Ein früherer Beginn ist nicht möglich, da Samstag-Vormittag noch einige Jugendliche (Bäcker, Metzger-Lehrlinge) arbeiten müssen und die Wochenendschulungen gerade die unorganisierten Jugendlichen in den Kleinbetrieben erreichen sollen (Bereich Handwerk).

Die Schulung beginnt meist mit einer persönlichen Vorstellung und Aussprache (Wie bist Du zu Deinem Beruf gekommen? Ist das Dein Idealberuf? Hattest Du andere Vorstellungen?). Darauf folgt ein Überblick über die Ausbildungsmöglichkeiten im Kreis oder ein Referat über das Berufsbildungsgesetz (Werden die rechtlichen Bestimmungen bei der Ausbildung eingehalten?). Häufiges Thema sind Fragen des Jugendarbeitsschutzes und der Ausbildungsvergütung – also recht praktische Informationen. Am Samstag-Abend wird zwar Übernachtung angeboten, aber die Jugendlichen fahren in der Regel alle nach Hause (und bekommen das Fahrtgeld erstattet). Die Schulung geht am Sonntag um 8.30 Uhr weiter und dauert bis 15.00 Uhr. Als Fress- und Sauffeten können diese Schulungen nicht bezeichnet werden, da die Spesen (6 DM am Tag) und die freie Verpflegung und Unterkunft als Anreiz nicht ausreichen. Der DGB ist an die Tagessätze des Landesjugendplanes gebunden.

Auf die Frage angesprochen, ob diese Veranstaltungen nicht unter der Überbetonung der Wissensvermittlung und der Vernachlässigung der persönlichen Seite (Kennenlernen) leiden, wurde geantwortet: die Jugendlichen wünschen dies so – wollen den Samstag-Abend frei haben. Außerdem gibt es keine Tagungshäuser im Kreis und in Jugendherbergen will keiner (Alkoholverbot).

Anders verlaufen die Wochenschulungen der Jugendvertreter ab. Sie erhalten für diese Zeit Bildungsurlaub, d. h. sie werden weiterhin bezahlt. Sepp Stöger umschrieb diese Schulungen so: „Jeder der Führerschein macht, muß in Theorie und Praxis geprüft werden, über seine Rechte bescheid wissen.“ Da es im Kreis nicht mehr so viele Jugendvertreter gibt (Sepp Stöger führt dies auf die späteren Schulabgänger zurück), haben auch die Wochenlehrgänge abgenommen.

 

Gibt es eine Gewerkschaftsfeindlichkeit in der Provinz?

Sepp Stöger hat dies im Ganzen verneint. Einige hätten zwar etwas gegen Gewerkschaften, weil diese immer etwas fordern würden, aber eine Gewerkschaftsfeindlichkeit sei dies nicht. Wenn Gewerkschaften keinen Zugang zu den Kleinbetrieben finden, dann liegt es daran, dass sie kein Recht haben in Betriebe ohne organisierte Arbeitnehmer zu gehen.

Für Jugendliche in Kleinbetrieben könne der DGB deshalb nur sehr wenig tun. Sie müssten dann eben die „3 Jahre absitzen“, weil sie nur Nachteile hätten, wenn sie auf ihre Rechte pochen würden.

 

Der Rückgang der Jugendarbeit in den Gewerkschaften

Es sei ein großer Rückgang in der Jugendarbeit in den Gewerkschaften zu erkennen. Selbst in Mannheim, wo die Jugendsekretärin, die auch den Main-Tauber-Kreis mitbetreue, sitzt, sei das Engagement sehr zurückgegangen. Sepp Stöger hat dafür eine Erklärung: „Die heutigen Jugendlichen haben eine Freundin, einen PKW, die Ausbildungsvergütung, die kann sich sehen lassen – Sie lieben mehr die Unabhängigkeit“.

Auf die Frage, dass hier doch auch andere Bedürfnisse (Freizeit) eine Rolle spielen und der DGB sich deshalb umstellen müsse und auch im Freizeitbereich aktiver werde müsse, um die Jugendlichen zu halten, antwortete Sepp Stöger: Dies sei nicht Aufgabe der Gewerkschaften. Sie habe sich um arbeits- und sozialrechtliche Belange der Mitglieder zu kümmern und das auf Betriebsebene. Was die Leute in ihrer Freizeit machen, sei ihnen überlassen. Für die Organisierung der Freizeit seien die Kommunen zuständig. Die Gewerkschaften können nicht ihre Mitgliedsbeiträge dafür verschwenden. Ein Disco-Abend brächte zwar ein volles Haus voller Unorganisierter, aber wenn dann einer ans Mikrofon gehe und etwas von Gewerkschaft sage – dieses Gejohle und Gepfeife wolle er nicht mit anhören.

 

Der Generationskonflikt in den Gewerkschaften

Ein solcher existiere ja überall – meinte Sepp Stöger. Wenn Jugendliche nicht immer die Solidarität des Betriebsrates fänden, so liege dies nicht selten daran, dass sie sich über jede Kleinigkeit aufregen und im Betrieb eben ein Diktat von Seiten des Eigentümers ausgehen, das das Klima verschlechtere. Innerhalb der Schulungen sei das Verhältnis besser und kollegialer.

 

Aus: DGB-Jugend. In. TRAUM-A-LAND Nr.17, Jan./Feb. 1981 Schwerpunkt Jugend in der Provinz, Seite 15 / 16.

 

 

Gewerkschaftsjugend in der Provinz
- am Beispiel der IG Chemie-Jugend in der Enka AG, Obernburg

Regionales und Betriebliches

Obernburg, Standort des Betriebes, in dem die angeführte Jugendgruppe der IG Chemie besteht, liegt im Landkreis Miltenberg. Einem Landkreis, der mit nur 6,8% der Einwohner in der Land- und Forstwirtschaft und 43,1% Erwerbstätige insgesamt nicht zu den als besonders ländlich anzusehenden Regionen Bayern zählt (bayer. Durchschnitt der in der Land- und Forstwirtschaft Beschäftigten: 19.4%). Drei Viertel der Landwirte sind dazu noch Nebenerwerbslandwirte oder werden wohl bald zu Nebenerwerbslandwirten werden, da ihr Betrieb weniger als 5 ha umfasst und somit schon jetzt nicht genügend rentabel ist, oder dies im Zuge der Automatisierung in der Landwirtschaft wohl werden wird.

Von den abhängig Beschäftigten sind 59% Arbeiter, was auch untypisch für bayerische Provinzen ist (Durchschnitt ganz Bayerns: 46,2%). Das Werk Obernburg der Enka AG schließlich passt auch nicht in das idyllische Provinzbild, das man sich angesichts der fränkischen Fachwerkhäuser in Miltenberg, Obernburg oder anderen Städten des Kreises, sowie angesichts der Weinberge etc. im Allgemeinen macht: Der Betrieb bringt es immerhin auf fast 5000 Beschäftigte, davon rund 1500 Ausländer, meist Türken.

Somit dürfte auch die Situation der Jugendlichen in diesem Betrieb nicht unbedingt typische für alle lohnabhängigen Provinzjugendlichen sein. Denn ein Großbetrieb hat andere Aktionsmöglichkeiten und andere Probleme als sie in einer Schreinerei oder kleinen Kleiderfabrik auftauchen.

 

Die Gruppe

Den ersten größeren „Aufruhr“, den die organisierte Jugend in der Enka Obernburg vollbrachte, war 1974 die Sache mit den sozialpädagogischen Lehrgängen, die die Betriebsführung jedes Jahr für die neuen Auszubildenden auf der Burg Rieneck veranstalten lies. Diese Lehrgänge fanden während der Probezeit statt, man war also gezwungen, das Maul zu halten (ansonsten drohte Nichtübernahme in das Ausbildungsverhältnis). Außerdem fanden die Maßnahmen unter Anwesenheit der Ausbilder statt, die die Lehrlinge gegeneinander hetzten und jeden Keim solidarischem Verhaltens im Ansatz erstickten. Unterordnung, „Freizeit“ als Pflichtübungen unter Anordnung der Ausbilder, Redeverbote etc.

Und 1974 war es den Auszubildenden dann zuviel: Sie verfassten ein Flugblatt, schalteten die Gewerkschaften ein, die dazu ebenfalls in einem Flugblatt Stellung nahm, und erreichten nach langem Hin und Her die Absetzung dieser Lehrgänge, die weder sozial und pädagogisch, sondern undemokratisch und diktatorisch waren. Seit 1975 werden jetzt Wochenlehrgänge nach der Probezeit und ohne Ausbilder durchgeführt. Sie dienen zwar immer noch dazu, die Lehrlinge auf Kapitalisten-Linie auszurichten (Vortrag über freie Marktwirtschaft und die bösen Russen); es besteht aber wenigstens für kritische Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit, mal das Maul aufzumachen und eine andere Meinung zu vertreten. Außerdem ist die Freizeit größer, in der man über den Inhalt der Vorträge und Aktivitäten diskutieren kann. Ein Schritt wäre also gemacht – ein erster Schritt. Der nächste, der bereits angegangen wird, ist die Durchsetzung der Forderung, dass die Jugendvertretung an einem Tag Gelegenheit bekommt, sich ohne Kontrolle mit den Lehrgangsteilnehmern zu unterhalten.

Momentan ist die Jugendgruppe in Zusammenarbeit mit der Jugendvertretung dabei, die Beurteilungsbögen für kaufmännische Auszubildende durch Ausbildungsstandkontrollen zu ersetzen, die keine Bewertung der persönlichen Zu- und Abneigung des jeweiligen Ausbilders enthalten, sondern nur noch darüber Auskunft geben, ob alle Teile der Ausbildung auch absolviert wurden.

Filme (unter anderen „Paul Jacobs und die Atombande“, Feten (Spanferkelessen usw.) und noch andere Sachen (als besonderen Gag: gemeinsames Ostereiersuchen) gehören natürlich auch noch zum Programm der Gewerkschaftsjugend. Zusammen kämpfen und zusammen feiern, und natürlich zusammen lernen! Miteinander und voneinander.

Zu dem gemeinsamen Lernen gehören zweifelsohne auch die Gewerkschaftsschulungen, die jetzt im Oktober / November wieder laufen. Hier hat man an mehreren Wochenende endlich einmal länger Zeit, sich zu unterhalten, sich über umfangreichere Probleme zu unterhalten, natürlich auch über außerbetriebliche. Jeder Arbeitnehmer ist zwar acht Stunden am Tag in eine Knochenmühle namens Betrieb eingesperrt, hat aber natürlich auch noch andere Interessen, als das eine, seine Situation am Arbeitsplatz zu verbessern. Und schließlich lernt man sich auf den Schulungen wesentlich besser kennen, als z. B. in den 40 Minuten Mittagspause im Betrieb.

 

Besonderes

Eine besondere Situation der Jugendlichen in der Enka AG Obernburg besteht auch noch darin, dass keiner mehr einen Lehrvertrag erhält, von dem nicht mindestens ein Elternteil im Werk arbeitet. Dadurch sind die Jugendlichen über ihre Eltern bestens reglementierbar, indem z. B. der Ausbilder eines aufmotzenden Lehrlings dessen Vater anruft. „He Schorsch, dein Sprössling macht Dummheiten!“ und der Vater nichts Eiligeres zu tun hat, als seinen Sohn anzuscheißen und zu bestrafen, weil Herr Papa ja seinen guten Ruf wahren muß (Aufstiegschancen etc.) und dazu kein aufmüpfiger Sohn passt. Somit tritt der Betrieb dem Lehrling gegenüber gar nicht als Bestrafer auf. Darüber hinaus fehlt auf dem Land, und der Landkreis Miltenberg ist trotz überdurchschnittlicher Arbeiter- und unterdurchschnittlicher Bauernzahl noch immer Provinz, das in Ballungsgebieten traditionelle Klassenverhalten der Arbeiter.

Auch durch die oben erwähnte Nebenerwerbslandwirtschaft, die auch bei Arbeitern in der Enka weit verbreitet ist, ergibt sich ein besonderer Aspekt: Man ist nicht ausschließlich auf die Arbeit in der Fabrik angewiesen, man hat noch Grund und Boden und fühlt sich somit nicht in erster Linie als Arbeiter, sondern als Besitzender, sieht sich mehr auf der Seite der Kapitalisten. Das alles bedingt auch, dass die Eltern im Konfliktfall nicht ihrem Sohn oder ihrer Tochter beistehen, sondern sie sogar bestrafen, weil sie im Betrieb ihr Maul aufgemacht haben.

 

Zusammenarbeit mit Jugendinitiativen

Die Zusammenarbeit der Gewerkschaftsjugend mit den Jugendhaus-Initiativen im Landkreis ist eine ziemlich eindeutige Sache. Die Gewerkschaftsjugend hat z. B. Mitglieder der JI Obernburg 1978 zu einer Dachau-Fahrt eingeladen, die JI Miltenberg wurde bei einem Gewerkschaftsstammtisch geplant und von jungen Gewerkschaftern dann auch mit aufgebaut und schließlich setzte sich der Ortsjugendausschuß der IG Chemie in Presseartikeln und Briefen an die Kreistagesfraktionen für Jugendzentren im Kreis Miltenberg ein.


Aus: Martin, Gewerkschaftsjugend in der Provinz am Beispiel der IG Chemie-Jugend in der Enka AG, Obernburg. In: TRAUM-A-LAND Nr. 16, Nov. / Dez. 1980 Schwerpunkt „Arbeitswelt, Gewerkschaft“, Seite 8 / 9

 

Über die Gewerkschaftsjugend Obernburg berichtet weiter eine Facharbeit von Martin Lorenz (aus dem Jahr 1984): Veröffentlicht auf:
http://kommunal.blogsport.de/hintergrund/ig-chemie-jugendgruppe-obernburg/

 

 

Arbeiterbewegung

 

 

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