Entnazifizierung

NATIONALSOZIALISMUS
- Entnazifizierung
in der Region Mainfranken, Tauberfranken,
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Entnazifizierung?

Ludwig Nell, Jahrgang 1905, Buchhändler zu Wertheim, war von Ende 1946 bis 1948 „öffentlicher Kläger“ bei der Spruchkammer, die zur Entnazifizierung eingesetzt worden war. Ludwig Nell verbrachte seine Jugend (Schule und Lehrzeit) in Wertheim, arbeitete dann in Darmstadt, Lübeck und Hamburg bei verschiedenen Zeitungen. Er war bereits Gewerkschaftsmitglied. Dort schloß er sich einer linken Gruppe an, die auch noch nach der Machtergreifung durch Hitler ihre politische Aufklärungsarbeit fortsetzte. Ludwig Nell wurde deswegen verhaftet und zu 2 Jahren Zuchthaus verurteilt und kam anschließend ins berüchtigte KZ Sachsenhausen (bei Berlin), bis er 1939 nach drei Jahren mit Auflagen nach Hause entlassen wurde. Inzwischen genießt Ludwig Nell seinen wohl verdienten Ruhestand in Wertheim.

Herr Nell. Sie waren „Öffentlicher Kläger“, eine Art Staatsanwalt also bei der Entnazifizierung nach dem Krieg in Wertheim. Wie kamen Sie zu diesem Posten?

Nell: „Als ich Ende 1946 aus der englischen Kriegsgefangenschaft entlassen wurde und nach Wertheim kam, wurde ich sofort von der amerikanischen Militärregierung angesprochen, um diese Stelle zu übernehmen, denn meine antifaschistische Haltung war bekannt und der Posten war frei geworden, weil mein Vorgänger, was sich erst zu diesem Zeitpunkt herausstellte, gar kein Antifaschist war.“

Können Sie bitte etwas näher erläutern, wie sich Ihre antifaschistische Haltung äußerte?

Nell: „Ich wurde im September 1934 zu 2 ½ Jahren Zuchthaus wegen Vorbereitung zum Hochverrat“, „Verbreitung staatsfeindlicher Schriften“ in Hamburg, meinem damaligen Wohnsitz, verurteilt. Danach kam ich in „Schutzhaft“ ins KZ Sachsenhausen bei Berlin. 1939 nach dem Hitler-Stalin-Pakt wurde ich entlassen, aber als „wehruntüchtig“ eingestuft. Jedoch gegen Ende des Krieges doch noch einberufen zum Strafbat. 999. Dabei geriet ich in engl. Kriegsgefangenschaft.“

Unsereins kann sich die damalige Situation gar nicht recht vorstellen und man erfährt auch kaum etwas darüber in der Schule oder sonst wo. Können Sie bitte ihre Tätigkeit als Öffentlicher Ankläger darstellen?

Nell: „Meine Sachbearbeiterin hat mir die Unterlagen zusammengestellt, z. B. was derjenige für Posten und Mitgliedschaften hatte. Danach wurde dann eingeteilt in die Kategorien Mitläufer (das waren die meisten), Minderbelastete (die kamen mit einer Geldbuße weg) und Hauptschuldige. Ich hatte in meiner Zeit nur drei Hauptschuldige, denn die einen waren schon abgeurteilt oder noch nicht da.

Die Sitzungen waren öffentlich. Eine große Veranstaltung fand im ‚Ochsensaal’, dem heutigen Kinosaal von Kino-Arnold statt. Es wurden wie bei einem normalen Prozeß Zeugen vernommen bzw. Zeugenaussagen zuvor aufgenommen. Dann gab es ein Plädoyer und anschließend das Urteil. Es kamen viele Entlastungszeugen, keiner wollte ja etwas gewesen sein. Haftstrafen gab es zu meiner Zeit kaum mehr, fast nur noch Geldbußen.

An die Judengeschichten wollte sich keiner mehr erinnern nach 1945. Typisch ist da auch die ‚Külsheimer Judentaufe’. In der Reichskristallnacht am 9./10.11.1938 wurden im Brunnen vor dem Külsheimer Rathaus die einheimischen Juden ‚getauft’. Ich selbst habe die Reichskristallnacht ja im KZ erlebt, als Hunderte von Juden in der Nacht eingeliefert wurden. Darum kann ich auch nichts zu den hiesigen Ereignissen dieser Zeit sagen.“

Wie würden Sie das Klima hier in Wertheim einstufen nach 1945? Und welche Folgen ergaben sich für Sie?

Nell: „Die Leute hier waren natürlich gegen die Spruchkammer (Jargon: ‚Sprüchkammer’) eingestellt und gegen den Kläger insbesondere. Aber durch meine SPD-Mitgliedschaft hatte ich zumindest dort einen gewissen Rückhalt. Verfolgte des Nazi-Regimes gab es neben mir eigentlich nur noch einmal.

Ich selbst habe mit meiner Frau ja ein Buchladen eröffnet und sicherlich gab es einige Wertheimer, die ich lange nicht in meinem Geschäft sah. Ganz offensichtliche Folgen gab es aber keine. Einmal bekam ich wohl auch einen Drohbrief, aber sonst? Die Reaktionen sind nicht so offen.“

Wie haben Sie sich denn den Neuanfang vorgestellt und was haben Sie mit dazu beizutragen versucht?

Nell: „Anders! Habe ich mir das vorgestellt. Das steht fest. Erst sollte eine gründliche Abrechnung mit den Nazis erfolgen, zumindest mit den Oberen. Das hat ja nicht wirklich stattgefunden. Was bedeutet schon Nürnberg oder die Spruchkammern? Übrigens wurden diese Verfahren ja dann auf Anordnung der Amis gestoppt und sämtliche Unterlagen nach Stuttgart gebracht. Ja und dann hätten die gesellschaftlichen Strukturen geändert werden müssen, Verstaatlichung von Grundbesitz und Banken. Die eigentlichen Ursachen des Faschismus, die im kapitalistischen System liegen, hätten beseitigt werden müssen.

Die Alliierten haben ja verhindert, dass die Sozialisierungen stattgefunden haben. Selbst das Ahlener Programm der CDU sah dies vor. Ich selbst war hier in Wertheim in der SPD. Zeitweise sogar Ortsvorsitzender. Wir bildeten eine oppositionelle Gruppe gegenüber dem SPD-Bürgermeister Roth.“

Stichwort ‚Umerziehung’ – Gab es die?

Nell: „Ach was. Nicht einmal die Jugend ist erzogen worden zur Demokratie. Was haben denn die Schulen geleistet in der Beziehung? Deutlich wird die fehlende ‚Umerziehung’ an folgendem Beispiel: Ein als Minderbelasteter eingestufter Wertheimer Geschäftsmann – und da gab es wenige, die nicht in der Partei waren – der zu einer Geldbuße verurteilt war, stotterte den Betrag gegenüber dem Finanzamt ab. Und jedes Mail stand auf dem Abschnitt: ‚Wir kommen wieder’.“

Vielen Dank, Herr Nell, für das Gespräch.


Anmerkung der TRAUM-A-LAND Redaktion: Leider war Herr Nell nach dem Interview nicht mehr bereit, Namen und weitere Einzelbeispiele von Betroffenen, die er genannt hatte, veröffentlichen zu lassen. Wir bedauern, dass nach über 30 Jahren es immer noch nicht möglich ist, unbefangen und ohne falsche Scheu über die damaligen Vorgänge zu berichten.

Hinweis: Eingeschlichene Fehler im damaligen Bericht wurden überarbeitet.


Aus: Entnazifizierung. In: TRAUM-A-LAND Nr. 22 Nov./Dez. 1981 Schwerpunkt Faschismus, Seite 12 – 13.

 

 

In einer PDF-Datei sind weitere Informationen abrufbar: Nationalsozialismus

 

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