TBB

 JUGENDBEWEGUNG
- Initiativen und Aktionen
in der Region Mainfranken, Tauberfranken,
Badisches Frankenland, Württembergisch Franken,
Hällisch-Franken und Franken-Hohenlohe  -


TAUBERBISCHOFSHEIMER
JUGENDBEWEGUNGEN

 

Die Tauberbischofsheimer Jugendbewegungen werden mit einigen ihrer Aktionen und Publikationen dokumentiert. Die Tauberbischofsheimer Jugendbewegungen sind Ausdruck für die politisierte Jugendbewegung der 70er Jahre in einer katholisch-konservativ geprägten Kleinstadt, die für die soziokulturellen Außenseiter der kleinstädtischen Gesellschaft wenig Platz und Verständnis einräumte. Die Jugendbewegungen waren nachholende Versuche, die noch bestehenden geistigen Stadtmauern zu schleifen.

 

 

Numerus-Clausus Schülerstreik am
Matthias-Grünewald-Gymnasium
1970

Die ersten Jahre der Studentenrevolte und der antiautoritären Bewegung gingen am Tauberbischofsheimer Gymnasium fast unbemerkt vorüber. In anderen Schulen, wie z. B. im Nachbargymnasium Wertheim waren durch die politischen Aktivitäten eines großen Teils der Schüler autoritäre Strukturen bereits angegriffen. Im Matthias-Grünewald-Gymnasium dagegen betätigten sich nur wenige, vereinzelte Schüler politisch. So war denn auch bis zum Streik im Frühjahr 1970 eine von Abiturienten durchgeführte Demonstration mit Dutschke-Bild im Schulhof das einzige Ereignis, das die ruhige Schulroutine unterbrach.

Der oft erdrückenden Unterrichtssituation wussten die Schüler nur altbekannte Schülerstreiche entgegen zu setzen, die schulische Realität als solche wurde anscheinend von den meisten als ärgerlich aber unveränderbar angesehen. Um so erstaunlicher scheint es bei dieser Vorgeschichte, dass die Schüler in der Lage waren, einen Streik mit offensichtlich politischer Perspektive zu organisieren, einen Streik, der zudem noch nicht einmal das aktuelle Schülerdasein betraf, sonder der gegen die Einführung des Numerus Clausus an den Universitäten gerichtet war.

Der Streik war von den Jusos landesweit ausgerufen worden. Drei Tage sollten die die Gymnasien des Landes gegen die Zulassungssperren an den Hochschulen streiken. Die Zulassungssperren wurden als eine erste ernsthafte Einschränkung der verfassungsmäßig garantierten Freiheit der Berufswahl bekämpft, die allerdings angesichts der heutigen Praxis von Berufsverboten nur als Anfang der Zersetzung dieses Bürgerrechts angesehen werden kann.

Der Aufruf zum Streik ging auch bei der Tauberbischofsheimer SMV ein, löste zunächst jedoch nur einige Diskussionen unter den Schülern aus. Einen Streik hielten die meisten für nicht durchführbar. Den eigentlichen Anstoß lieferte ein einzelner Schüler, der während der Schulstunden handgeschriebene Zettel an die Klassenzimmertüren heftete, in denen er zum Streik aufrief. Auch das schien anfänglich nicht mehr als Aufsehen bei den Schülern zu erregen. Die Schulleitung jedoch versuchte in ihrem autoritären Machtanspruch solche geringe Anzeichen von Auflehnung schon im Keime zu ersticken. In einer Schulversammlung, die auf den Tag vor Beginn des landesweiten Streiks angesetzt wurde, sollte der Vorfall bereinigt werden. Jetzt erst wurde eine ganze Gruppe von Schülern aktiv, um den Streik doch noch durchzusetzen. Die meisten Schüler waren bis zur Schulversammlung schon von den Absichten dieser Schülergruppe informiert. Auf der Versammlung verlas ein unbeteiligter, notenmäßig nicht gefährdeter Schüler eine Resolution dieser Schülergruppe, in der die Abstimmung über den Streik gefordert wurde.

Nur wenige Schüler nahmen in den nächsten zwei Tagen (nach zwei Tagen wurde der Streik beendet) an den Unterrichtsstunden teil. Die meisten erschienen jedoch trotzdem und diskutierten über die Hintergründe des Streiks. In diesen Diskussionen zeigte sich ein vorher nicht für möglich gehaltenes Interesse der Schüler für politische Vorgänge und für Verbesserung der Schulsituation.

So zufällig die Durchführung des Streiks am Matthias-Grünewald-Gymnasium war, so wenig organisiert die Schüler in Tauberbischofsheim auch waren, für die Schulleitung und die Landesregierung war dieser im ganzen Land durchgeführte Streik (in unserer Gegend streikten außerdem noch das Gymnasium Mergentheim und Wertheim und das Wirtschaftsgymnasium Wertheim) wohl ein ziemlicher Schock. Der sicher geglaubte ort politischer Indoktrination des akademischen Nachwuchses schien ein ähnliches Schicksal zu erleiden wie zuvor die Universitäten. Mehrere Landtagsabgeordnete (einer davon kam dann tatsächlich) kündigten sich zu einer weiteren Schulversammlung an. Die Schülermitverwaltung bekam plötzlich das Recht eine neue Verfassung der SMV selbst zu konzipieren, deren wesentlicher Teil, nämlich der über Rechte und Pflichten später dann doch nicht genehmigt wurde. Es wurde also alles getan, um den Protest der Schüler ins Leere laufen zu lassen. Neun Jahre danach kann klar erkannt werden, dass dies der Landesregierung tatsächlich gelungen ist. Aus diesem Streik kann heute höchstens noch gelernt werden.

Zum einen ist wohl ein Streik an Schulen offensichtlich ein geeignetes Machtmittel zur Durchsetzung von Schülerinteressen, anders lässt sich die Aufregung der Schulleitung nach dem Streik nicht erklären. Zum zweiten wird jedoch auch klar, dass ohne Organisation der Schüler berechtigte Interessen der Schüler kaum über einen längeren Zeitraum hinweg durchgesetzt werden können. Zu leicht können sonst mit nie eingehaltenen Versprechungen die wenigen aktiven Schüler hingehalten werden, bis sie irgendwann die Schule verlassen haben. Die, die nach ihnen kommen, müssen wieder bei Null anfangen.

Aus: Roter Spuk TBB 1970. Numerus-Clausus-Schülerstreik am Grünewald-Gymnasium. In: Traum-a-land – Provinzzeitung für Franken-Hohenlohe. Schwerpunkt: Die politische Geschichte unserer Region. Streiflichter aus der Provinz 1969-1979. Nr. 8, Juli 1979, S. 18/19

Weitere Infos im PDF-Format unter: Tauberbischofsheimer Jugendbewegung

 

© Traum-a-land Copyright:

Alle unsere Webseiten können kostenfrei gelesen und ausgedruckt werden. Ausgedruckte Textteile können in der üblichen Form unter Angabe der Quelle frei zitiert werden. Alle erfolgten Ausdrucke unterliegen dem Schutz des Urheberrechtes. Ihre Vervielfältigung und Weiterbearbeitung bedarf der schriftlichen Zustimmung.